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von Public Relations 06.12.2017

Lecker, Heuschrecke!

Die erste Szene des neuen Bladerunner spielt auf einer Insektenfarm. In der ockerfarbenen Wüste werden Würmer in gewächshausartigen Zelten gezüchtet. 2049 also, so die Vision des Films, gehört die Aufzucht und Verarbeitung von Insekten zum Alltag. Doch sind wir tatsächlich auf dem Weg in eine insektengefütterte Zukunft? Die Novellierung einer EU-Verordnung macht jetzt zumindest administrativ den Weg frei für insektenbasierte Lebensmittel.

Nicht alles, was theoretisch essbar ist, kommt in der Europäischen Union einfach so auf den Teller. Für alle Lebensmittel, die nicht zum kulinarischen Standard der Mitgliedsländer gehören, braucht es eine Genehmigung – und zwar auf der Grundlage der sogenannten Novel-Food-Verordnung, der Regelung für neuartige Lebensmittel.

Als neuartig gilt laut dieser Verordnung alles, was nicht vor dem 15. Mai 1997 in den EU-Staaten bereits üblich war. Alle Lebensmittel, die unter diese Definition fallen, müssen auf ihre Gesundheitssicherheit geprüft werden. Chia-Samen mussten beispielsweise die Zulassung als „Novel Food“ durchlaufen.

Die Frage, ob Insekten ebenfalls unter die Verordnung und ihr Zulassungsverfahren fallen, war aufgrund ihres alten Wortlautes etwas unklar. Denn dort ist von „aus Tieren isolierten Lebensmitteln“ die Rede. Das ließ die Frage offen, wie es sich mit ganzen Tieren verhält – denn Insekten werden häufig in Gänze verarbeitet. In der Folge haben die einzelnen EU-Länder die Verordnung in diesem Punkt unterschiedlich ausgelegt. Ab dem 1. Januar schafft die endgültig EU Klarheit. Denn dann wird die neue Fassung der Novel-Food-Verordnung, die eigentlich bereits 2015 in Kraft getreten ist, für alle EU-Staaten bindend. Die neue Verordnung spricht eindeutig von „ganzen Insekten“ und macht damit deutlich, dass sie von der Regulierung erfasst und in ihrem Sinne zugelassen werden können.

Zusätzlich macht die Neufassung die Einführung bestimmter Lebensmittel einfacher. Ist nachgewiesen, dass sie in anderen Kulturkreisen seit mehr als 25 Jahren von einer großen Anzahl Menschen regelmäßig verzehrt werden, dann kann eine Zulassung auf dem Markt der Europäischen Union beschleunigt werden. Das könnte auch aus Insekten hergestellten Lebensmitteln zugutekommen.

Denn in anderen Ländern gehören Insekten ganz normal zur heimischen Küche. Zwei Milliarden Menschen essen weltweit täglich Insekten. Nach Angaben der FAO, der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, werden mehr als 1.900 Insektenarten als essbar angesehen. Die am häufigsten verzehrten sind Käfer (31 Prozent), Raupen (18 Prozent) und Bienen sowie Wespen und Ameisen (14 Prozent). Außerdem kommen Grashüpfer, Heuschrecken und Grillen relativ häufig auf den Teller. Sogar Libellen gehören in manchen Ländern zum Speiseplan. Im Übrigen wurden auch in Europa einmal Maikäfer zu den üblichen Speisen gezählt.

Insekten haben ernährungstechnische und auch ökologische Vorteile. Sie enthalten viele Vitamine, Mineralien und ungesättigte Fettsäuren. Bei ihrer Zucht ist das Verhältnis von Ertrag zu Futtermenge sehr effizient. So brauchen Grillen etwa 12 Mal weniger Futter als Rinder, um dieselbe Menge an Protein herzugeben. Die Aufzucht von Insekten verbraucht außerdem weniger Wasser als die von Geflügel und Masttieren und verursacht wesentlich weniger CO2-Ausstoß. Auch braucht man für ihre Züchtung keine großen gerodeten Flächen, und Insekten können auch gut für die Fütterung wieder anderer Tiere eingesetzt werden. Wie umweltfreundlich die Zucht von Insekten tatsächlich ist, so eine Studie des WWF, hängt jedoch davon ab, welche Insektenart mit welchem Futtermittel aufgezogen wird.

Die ersten Start-Ups für Insektenküche gibt es in Europa bereits. Das von zwei Osnabrückern gegründete Unternehmen „Bugfoundation“ hat seine ersten Restaurants in Belgien und den Niederlanden eröffnet. Dort wird der Buxburger angeboten, der aus den Larven des Getreideschimmelkäfers herstellt wird. Seit 2017 vertreibt das Unternehmen auch Produkte in Schweizer Supermärkten. Sobald die Unternehmer in Deutschland verkaufen dürfen, werden die insektenbasierten Lebensmittel auch hierzulande angeboten. Auch der Onlineshop „21 Bites“ bietet Insektensnacks verschiedener europäischer Hersteller und vieles mehr an.

„Probieren geht über Studieren!“, meint dazu Mirko Winkelmann, der sich am Futurium unter anderem mit dem Thema Ernährung beschäftigt. „Vor zwanzig Jahren konnte sich in Deutschland auch niemand vorstellen, dass man rohen Fisch essen kann. Heute gibt es Sushi in jedem Supermarkt. Ob es bei den Insekten auch so kommt wird sich zeigen. Eines ist jedoch klar: Unser heutiges Ernährungssystem ist in vielerlei Hinsicht hoch problematisch und wir müssen über Alternativen nachdenken.“

Die Zukunft wird zeigen, ob Bladerunner tatsächlich grüßt und sich Larvenburger und Knabbergrille auf diesem Kontinent durchsetzen; nun, da die administrativen Hürden gesenkt werden.

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