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von Public Relations 01.12.2017

An der Hand von Kindern ins Jahr 2057

Impressionen von der gemeinsamen Herbstferienwerkstatt des Futuriums und des Theaters an der Parkaue

In der Zukunft werden wir uns komplett über unser Handy versorgen, weil wir mit ihm verwachsen sind, die Luft wird schlechter werden durch mehr Verkehr, wir werden Briefe aus anderen Epochen empfangen können und die Sprache „Gescheral“ sprechen. So sahen die Vorstellungen der 9- bis 13-jährigen Teilnehmer*innen der Herbstferienwerkstatt „Future Lab 1.0“ aus, die aus einer Zusammenarbeit des Futuriums mit dem Theater an der Parkaue entstanden sind.

Los ging das Future Lab 1.0 im Futurium. An einem Tag wurden die Teilnehmer*innen im Schnellverfahren zu Zukunftsforschern ausgebildet. Der Workshop basierte auf der Foresight-Methode. Diese wird häufig in Unternehmen angewendet, um Vorhersagen über zukünftige Entwicklungen zu treffen. Am Beginn des Prozesses steht dabei immer das Füttern mit Informationen. „Die Kids haben zum Beispiel kurze Zusammenschnitte aus Science-Fiction-Filmen und Dokumentationen über die Zukunft geguckt“, erläutert David Weigend, Leiter des Futurium Lab. „Außerdem bekamen sie Trendkarten mit Abbildungen zu einzelnen Themen wie die ‚Zukunft des Körpers’, die ‚Zukunft der Roboter’ oder die ‚Zukunft der Natur’.“  Die Bilder halfen, eine gemeinsame Sprache über die Zukunft zu finden. „Sagt man zum Beispiel: ‚autonomes Fahren’, dann stellt sich jeder etwas Anderes vor. Etwa ein Auto oder Zukunftsmobile, die in Röhren um die Welt flitzen. Aber wenn ich sage ‚das autonome Auto auf der Trendkarte’, dann kann ich mich sehr genau auf etwas beziehen, das alle in der Gruppe verstehen.“

Überrascht hat David Weigend, wie viel Wissen bei den Kindern für diese Themen bereits vorhanden ist: „Es gab immer mindestens einen in der Gruppe, der wusste, was künstliche Tiere sind oder Genmanipulation. Virtuelle Körper sind vielen aus Computerspielen bekannt. Aber auch Megastädte, regenerative Energien, künstliche Organe, autonomes Fahren … immer wusste einer in der Gruppe Bescheid und hat das Wissen geteilt.“

In den darauffolgenden Tagen wurden die Kinder von Sarah Kramer vom Theater an der Parkaue und den Berliner Künstlern Kati Hyyppä und Niklas Roy betreut. Die bei der Ausbildung zum Zukunftsforscher entwickelten Ideen wurden in nur vier Tagen zu einer Theatervorstellung weiterentwickelt. Es wurden Requisiten gebastelt, neue Sprachen erfunden, futuristische Tänze geprobt und Filme gedreht. Am Ende der Werkstatt stand eine Aufführung im Theater an der Parkaue.

Doch der Besucher, der erwartet hatte, sich bequem auf einen Stuhl zu setzen und berieseln zu lassen, wurde enttäuscht. Denn aufgeführt wurde eine Mischung aus Ausstellung, Tanz, Video, Schauspielerei und Installation, bei der sich alle durch den Raum bewegten. Für David Weigend war von Anfang an klar, dass bei der Werkstatt kein klassisches Theaterstück herauskommen kann: „Es ging ja um die Zukunft und entsprechend sollte auch die Aufführungsform etwas Anderes sein, als die Guckkastenbühne eines klassischen Theaterstücks.“

Für die Aufführung reisten die Besucher in das Jahr 2057 und wurden auf „Gescheral“ begrüßt – selbstverständlich gedolmetscht, sonst hätten die Jetztzeitmenschen ja nichts verstanden. Für den Rundgang durch die Zukunft wurden die Besucher in Gruppen aufgeteilt, geführt von einem farbig markierten Reiseführer. Thematisch fanden sich viele Zukunftsherausforderungen vom ersten Workshoptag wieder: so etwa die Bedrohung der Umwelt, repräsentiert durch einen selbstgebauten ‚Luftsäuberer’, der mit Pflanzen gefüllt war. „Es wird immer mehr Autos und Flugzeuge geben“, gab einer der kleinen Zukunftsforscher dazu Auskunft. Die Besucher*innen waren aufgefordert, die angeschlossenen Atemmasken auszuprobieren. An der nächsten Station konnten zwei schwarz gekleidete Versuchsmenschen beobachtet werden, die sich in verschiedenen Stadien der Handyverwachsung befanden. „Die Kinder sind total von ihren Handys abhängig, reflektieren das aber auch“, beobachtete David Weigend. „Und sie wissen, dass sie sich anstrengen müssen, ihr Verhalten zu ändern.“ Mit einem ausgeklügelten Gerät, das stark an einen Hoola-Hoop-Reifen erinnert, wurden die Besucher*innen auf ihren Verwachsungsgrad getestet. Nur ein Einjähriger kam dabei gut weg. „Wie Sie sehen, ist da noch nichts“, lautete die Diagnose. Einer der Erwachsenen hingegen befand sich bereits im zweiten Stadium: schon fast verwachsen.

An der nächsten Installation durften sich die Besucher*innen mit Zukunftswünschen für eine Zeitkapsel verewigen. Die Zukunftswünsche der Teilnehmer*innen hingen dort bereits: „Roboter, die mein Zimmer aufräumen“, „keine Autos“, „jung sein und einen Zwilling haben“ oder auch „viele mutige Menschen“. Eine Station weiter wurden Briefe aus der noch weiter entfernteren Zukunft verlesen – empfangen mit Hilfe eines speziellen Helms. Viele von ihnen waren an Angehörige und Freunde aus der Vergangenheit gerichtet. Einer handelte von der Angst vor einem Atomkrieg. Die Zukunftsvorstellungen der Kinder sind nicht nur rosig, häufig spiegelten sie aktuelle gesellschaftliche und politische Themen wieder, die auch an ihnen nicht spurlos vorbeigehen. Die letzte Station beschäftigte sich mit dem Thema Energie. Die vorgestellte Maschine machte die Versorgung mobil. Sie würde dorthin fahren können, wo sie gebraucht wird und sogar Menschen könnte sie versorgen, die sich daran „aufladen“. Damit soll der Welthunger der Vergangenheit angehören.

Zum Abschluss wurde mit viel Furor die Zeitkapsel hinter dem Theater vergraben. In zehn Jahren wird sie wieder hochgeholt. Dann wird sich zeigen, wie nah wir der Zukunft, die die Kinder ersonnen haben, bereits sind oder ob doch alles ganz anders gekommen ist. Schon jetzt aber ist klar, dass es auch in Zukunft derartige Projekte vom Futurium Lab geben wird. „Futurium Lab heißt ja nicht nur Löten, 3D-Drucken, Elektronik basteln. Wir wollen die Zukunft mit allen Facetten, mit Musik, mit Theater, mit Performance, mit Film, mit Tanz erlebbar machen. Das ist das, was das Futurium Lab von anderen Labs unterscheidet: die hybriden Formate. Denn Zukunft entsteht, wenn man Dinge kombiniert, die eigentlich nicht zusammenpassen und sich daraus etwas Neues entwickelt. Wie zum Beispiel in diesem Workshop Kinder, Mischwesen und Cyborgs, Theater, Technik basteln und Foresight-Methode zusammengekommen sind. In diesem Geiste werden wir weiterarbeiten, auch wenn wir nicht exakt dasselbe nochmal machen wollen. Das war jetzt Future Lab 1.0. Das nächste muss dann schon mindestens Future Lab 1.1 sein.“

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